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"heimat.kunden" – Ein Projekt von Dirk Raulf. Lippstadt 2020 - 2022
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Donnerstag, 21. Mai 2020
20. Mai. Lipperbruch. Die Kirche St. Maria Frieden ist ein schmuckloses Nachkriegsgebäude mit Glasmalereien der Paderborner Firma Peters und einem monochrom gestalteten Kreuzweg, die den Zeitgeist der 50er Jahre atmen. Die Sitzreihen sind wie jetzt überall gekennzeichnet. Hier wurde mit rotweißen Absperrbändern gearbeitet. Drei Putti auf dem Gemälde der Friedensmutter, das namensstiftend für die Kirche gewesen ist, haben Mühe, die Welt zu Füßen Mariens zu halten, ohne von ihr abzurutschen und ins Nichts zu fallen. Ein vierter Putto versucht, mit einem Palmwedel den Brand in Europa, vor allem in der Sowjetunion zu löschen. "Dieses Bild, das sehr eindrucksvoll die ruhelose Zeit nach dem 2. Weltkrieg und die Sehnsucht nach Heimat, Geborgenheit und Frieden widerspiegelt, schuf der heimatvertriebene schlesische Künstler Blaschke und schenkte es seinen Landsleuten, die hier auf dem Lipperbruch eine neue Heimat fanden.“

Draußen sind Gartenarbeiten der Gemeinde im Gange, aber die Motoren werden freundlicherweise für einige Minuten ausgestellt. Als die Tonaufnahmen beginnen sollen, kommt eine alte Frau mit Rollator herein, um zu beten, und aktiviert durch einen Bewegungsmelder in der Kerzennische ein lautes Gebläse. Die Frau verlässt die Kirche wieder. Das Gebläse nicht. Die Aufnahmen werden mit dem Grundton des Gebläses im Hintergrund gemacht. Auch die chromatisch gestimmten Altarschellen werden dokumentiert.

Cappel. Wir fahren über die Beckumer Straße, an der WLE, Hella und Rothe Erde ihre Werke haben, zum Ortsteil Cappel, der deutlich älter ist als die Kernstadt, passieren die Einfahrt zum Stift und fallen aus der Zeit. Der Ortsname Cappel stammt von einer „Kapelle“, die möglicherweise von Karl dem Großen nach einer Schlacht gegen die Sachsen gegründet worden ist. In der Nähe der kalkverputzten Wände der Stiftskirche meint man, andere, weniger gegenwartsgeschwängerte Luft zu atmen. Die Fachwerkhäuser neben der Kirche sind bewohnt, man sieht keine Menschenseele. Hinter den Häusern lautes Froschquaken aus einem kleinen Teich. In der Stiftskirche ein Glockenspiel, weitere Tonaufnahmen.

Auf einem alten Bauernhof in der Nähe des Zusammenflusses von Glenne und Lippe gibt es eine winzige Kapelle. Der Eigentümer gestattet, die Kapelle zu besichtigen und die Glocke aufzunehmen. Der Böbbinghof stammt aus dem 15. Jahrhundert und hat mehrfach Zerstörungen und Wiederaufbau gesehen. Die erste Hofkapelle wurde 1770 errichtet, mehrfach wegen Baufälligkeit abgebrochen und renoviert, die jetzige trägt über dem Eingang die Jahreszahl 1903, ist also auch schon 120 Jahre alt. Die Glocke ist noch von 1770 und konnte durch alle „Kriegswirren“, wie es im Informationsblatt heißt, gerettet werden. Bis 1939 wurden die Verstorbenen des Hofes „von hier aus über die Lippe mit einem Kahn übergesetzt und durch die Lippewiesen zum Friedhof nach Hellinghausen gefahren“. Nach Plünderungen 1945 wurde die Kapelle erneut restauriert; das Meßbuch, ein Kelch und ein kriegsamputierter Engel blieben erhalten.

In Hellinghausen findet eine öffentliche Probe des 50köpfigen Blasorchesters auf dem Schützenplatz statt. Die Musiker*innen stehen mehr oder weniger unbeweglich im vorgeschriebenen Abstand auf Kreidekreuzen auf dem Boden, rundherum etwas Publikum, das aufgefordert ist, sich ebenfalls an die Abstandsregeln zu halten. Auf dem Friedhof gegenüber die alten Gräber der Familie Schorlemer, darunter werden auch die vom Böbbinghof sein. Die Barockkirche St. Clemens, einige Hundert Meter von Hellinghausen entfernt in der Mersch gelegen, enthält das "steinerne Brot"; der Legende nach wurde hier durch einen Fluch Brot zu Stein. Ebenfalls bereits 825 wurde hier auf Veranlassung einer Verwandten Karls des Großen eine Kirche gebaut. Nach der Zerstörung im 17. Jahrhundert dauerte es hundert Jahre, bis die heutige Kirche errichtet wurde. Nur der alte Turm blieb stehen. Auch hier, auf der sogenannten Gottesinsel, kein Mensch. Von weitem weht der Wind den Klang der Blechbläser herüber, zum wievielten Mal an diesem Tag ein Kuckuck, zwei verwaiste Fachwerkgebäude, alte Kopfweiden, Vogelgezwitscher.

An den Rändern der Wohngebiete findet man vereinsamte Flecken, die Zeit atmen. Alles Übrige ist von Betriebsamkeit erfüllt. Sinnlos gewordene Dorfrituale halten scheinbare Traditionen aufrecht. Dorfkneipen berufen sich auf Familientradition, haben sich aber längst ohne Gegenwehr der alles verschlingenden Gegenwart ergeben. Die alten Flecken eignen sich nicht zum Konsum. Das Wissen um sie verschwindet. Noch sind alte Eichen, Linden und Weiden Zeuge. Den Heutigen, Gegenwartssüchtigen gehen die Orte verloren.
Das Werk des Andreas Gryphius (1616 - 1664) mit den berühmten Sonetten aus der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs.

Das Stift Cappel und die Kirche in Hellinghausen sind Gryphius' Zeitgenossen gewesen, auch einige der Bäume werden schon gestanden haben. Im Unterschied zu uns Heutigen wusste er genau um die Vergänglichkeit und machte sie zum zentralen Thema seiner Dichtung.


Abend

Der schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt ihre Fahn /
Und führt die Sternen auff. Der Menschen müde Scharen
Verlassen Feld und Werck / wo Thir und Vögel waren
Traurt itzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit verthan!

Der Port naht mehr und mehr sich zu der Glider Kahn.
Gleich wie diß Licht verfil / so wird in wenig Jahren
Ich / du / und was man hat / und was man siht / hinfahren.
Diß Leben kommt mir vor als eine Renne-Bahn.

Lass hoechster Gott / mich doch nicht auff dem Lauffplatz gleiten /
Lass mich nicht Acht / nicht Pracht / nicht Lust nicht Angst verleiten!
Dein ewig-heller Glantz sey vor und neben mir /

Lass / wenn der müde Leib entschläfft / die Seele wachen
Und wenn der letzte Tag wird mit mir Abend machen /
So reiß mich aus dem Thal der Finsternüss zu dir.