Impressum | Datenschutzerklärung


"heimat.kunden" – Ein Projekt von Dirk Raulf. Lippstadt 2020
Blog
Januar Februar März April Mai Juni Juli August September
 
Texte Bilder Bücher Sounds Plakate
 
Veranstaltungen Video
 
Förderung
Gesundheitsamt Köln, unser letzter Kontrollanruf, Herr Raulf
Um zu sehen, wie es Ihnen geht
Wie geht es Ihnen
Unverändert symptomfrei, danke der Nachfrage
Aber ich höre doch Husten
Pardon, ich habe mich geräuspert, heute mit noch niemandem gesprochen, Frosch im Hals
Kenne ich, haha, aber vor zwei Tagen hatten Sie Halsschmerzen
Fehlalarm, man hört die Flöhe husten nach 12 Tagen Selbstbeobachtung und latenter Panik
Kenne ich, ja dann, wir haben gute Nachrichten für Sie
Ab 0:01 in der kommenden Nacht dürfen sie ihre Wohnung wieder verlassen und sind wieder ein freier Mann, haha
Und was sind die übrigen guten Nachrichten
Das war's eigentlich schon
Ach so, verstehe, vielen Dank für die Information
Gern geschehen, dann noch ein schönes Wochenende und weiterhin alles Gute

*

quarantäne
letzter tag von vierzehn
du hast dich schon gewöhnt
schon nach zwei wochen
angst vor dem draußen
wie muss man sich fühlen nach einem lageraufenthalt
nach isolationshaft
nach jahrelangem anstaltsaufenthalt
wenn schon nach 2 wochen spurenelemente da sind
die dich so ängstigen
dass du unsicher wirst mit dir
mit deinen schritten
dass du dich einrichtest im begrenzten raum deiner Wohnung
schritte zählst vom bett zum kühlschrank
vom tisch zum klo
dich gehen lässt
körperpflege essen tagesabläufe
nicht mehr so wichtig nimmst
unkontrolliert in der kontrolle
und nicht mehr weißt
ob du noch derselbe bist
ob du noch dasselbe vermagst
ob du noch jemand begegnen kannst
ob du noch sprechen kannst
dann der gedanke
für jede labilität dankbar sein zu müssen
für alles was bewegung heißt
oder besser irritation
irritation die auch stillhaltenmüssen bedeuten kann
aufbrechen von bekanntem
alles was den verkrustungen einen riss zufügt
den alltagsgefühlen
den alltagsgedanken
den automatismen der verrohung ein craquelé zufügt
eine fragestellung
gezwungen dich anders zu verhalten
was nicht für die verordnete quarantäne spricht
oder für eine von außen erzwungene isolation
bestrafung drohung regelwerk tyrannei
doch dafür den sinn zu schärfen für verunsicherung
für einsamkeit und angst
verlorenheit
verloren in immergleichen abläufen
verloren ohne die immergleichen abläufe
lebendigkeit scheint dazwischen zu liegen
auf einer grenze einer schwelle einem grat
eine wachheit für ein es-sich-gemütlich-machen
in der routine oder in der routinelosigkeit
die auch routine werden kann
und am letzten tag findest du dich wieder
vor dem bildschirm und suchst nach interviews mit musikern
die sprechen von ihren
erfahrungen mit improvisation
mit der hingabe an den moment
und das üben das proben als vorbereitung für diesen moment
von dem man nicht weiß wann und wie er eintritt
wie ein sportler ein tennisspieler boxer
ein jäger ein krieger vielleicht
bereit sein mit wachem sinn und scharfem verstand
verstehen dass jeder moment so ein moment ist
und dass du immer mehr momente verpassen wirst als spüren
weil du müde bist unaufmerksam abgelenkt verführt
mit etwas anderem beschäftigt
zu sehr mit dir selbst beschäftigt
und du vermisst den moment des aufreißens der situation
und den spalt durch den das licht fällt
schlaglicht unendlicher möglichkeiten
entscheidungen oder besser
jähes erspüren dessen was in der luft liegt
nackt und bloß sein und ausgesetzt
und kein repertoire haben aus dem du schöpfst
das repertoire über bord werfen wie überflüssigen ballast
von einem sinkenden ballon oder einem überladenen floß
gegenwärtigkeit
und du verstehst dass das womöglich auch das wesen dessen ist
das liebe genannt wird und ekstase
und öffnest die tür.