Impressum | Datenschutzerklärung


"heimat.kunden" – Ein Projekt von Dirk Raulf. Lippstadt 2020
Blog
Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember
 
Videos 1. Lippstädter Klangnächte Gespräche
 
Texte Bilder Bücher Sounds
 
Förderung
wer braucht das alles

die dinge selbst
sie fliehen mich schon lang

alles versinkt im grau im chiaroscuro
in einem nebel der die gegensätze verwischt
ja nein
oben unten
innen außen
ich
ihr

alles ist weit und alles ist nah
alles ist fort und alles ist da
alles ist so müd und schwer wie ich
alles umsteht mich schaut mich an mit meinen augen
alles trägt die last der stunden
der ungezählten stunden

lass die welt sich austoben
am rand des gesichtsfelds
an der peripherie
an den grenzen
dort am letzten rand der scheibe
wo du nicht mehr wirkst
und nicht mehr wirkst
am letzten ort am letzten großen wasserfall
dessen ungeheures tosen stumm in den abgrund stürzt

ich entlasse die dinge
mögen sie weiterleben ohne mich
ich entlasse den tisch
ich entlasse den stuhl
ich entlasse das glas das buch das bett
ich entlasse den abort
lebtwohl
auch ich werde wie ihr
werde ding
werde dingfest gemacht
nur bedingt zu erinnern
nur durch dinge zu benennen
ein souvenir ein fetisch unter anderen

ich entlasse die erinnerungen
auch sie dürfen zu dingen werden
jemand anderem gehören
soll man mit ihnen machen was man will
was kümmert es mich

ich entlasse die geschichte
meine geschichte
ich entlasse die meinigen
ich ENTLASTE sie
erlasse ihnen ihre schuld
nichts nehme ich mit mir
und nichts lasse ich von mir in der welt

mögen die ruinen der dinge
und die ruinen der erinnerungen
noch eine zeitlang in der welt sein
mögen die säulenreste noch bleiben eine zeitlang
die mauerbögen die fensterhöhlen die eingefallenen dächer
die geborstenen wasserleitungen die in die luft gereckten elektrischen enden
die fundamente und balustraden die nichts mehr halten als wind
die vertrockneten gräben
und die gärten die der wald sich zurücknimmt

mögen sie mich überdauern einige tage einige jahre
mögen sie zu erkennen sein tausend jahre
was sind das für zeiträume angesichts der ewigkeit
angesichts der ungeheuren räume die ich betreten werde
und die andere vor mir betreten haben
größere als ich

es gibt eine stärkere kraft als das alles
die kraft des allmählichen niedersinkens
die kraft des wissens um den fraß der zeit
die kraft des wissens um das ende aller gegensätze
die kraft der hingabe und des scheiterns
des ich-sagens und des letzten einverstandenseins

in einem universum in dem alles umeinander drängt
UM NUR JA ZU SEIN
UM NUR JA NICHT NICHTS ZU SEIN
führt mein weg in den unendlichen leeren raum
mein tanz mein gelächter mein gesang
in die unendliche frage mit der unendlichen antwort
die NEIN heißt

leer ist mein reich
leer ist mein reich
endlich leer ist mein reich

(aus: materialien zu "margarethe oder der blutende wald", 2018).